Seegeschichten 2.

Wie ich von Max zu Olga kam


S/S "Olga"
Reederei Willy H. Schlieker, Hamburg

Baujahr: 1942? Bauort: Glasgow
Heimathafen: Hamburg Flagge: Deutsch
Typ: General Cargo, 1 Zwischendeck  Rufzeichen: DHRW
BRT: ca. 7.000 Tragfähigkeit: ca. 9800 mto.
HP: ca. 2800 PSe, 3fach Expansionsdampfmaschine Speed:        10 kn max.
LOA: 135 m Fahrtgebiet: Große Fahrt
Kapitän: Lembke Anmusterung: 20.5.1958 in Hamburg
Abmusterung: 7.8. 1959 in Ijmuiden Dienstgrad Jungmann und Leichtmatrose

Olga!!
Olga ist einer der weiblichsten Namen überhaupt! Meine ich jedenfalls. Olga klingt nach großer Seele, nach warmem und weichem Körper, nach viel Liebe und Geborgenheit. Olga hieß ein Schiff und Schiffe sind weiblich; immer, auch wenn sie nach einem Mann benannt sind, was vorkommt. Die “Olga” war meine Erlösung und Errettung nach vier langen Monaten ohne Schiff und damit ohne Arbeit, davon ein Monat zu Hause bei der Mutter in Klinkrade und drei Monate im Seemannsheim in Hamburg ohne Geld; Verpflegung und Unterkunft. Die gab mir das Seemannsheim auf Vorschuss gegen das Versprechen, wenn ich denn irgendwann wieder ein Schiff hätte, die aufgelaufenen Schulden mit dem ersten Ziehschein zu begleichen. Ich musste allerdings für das Entgegenkommen die Kapelle fein sauber halten, denn es war ein sehr christliches Seemannsheim und meine Anwesenheit bei allen möglichen Andachten und Gottesdiensten wurde als selbstverständlich vorausgesetzt. Das störte mich aber nicht, denn ich war damals noch recht fromm. Das war 1958, ich war 18 Jahre alt. Jeden Tag (außer Sonntags) also des morgens zu Fuß von der Großen Elbstraße in der Nähe des Fischmarktes in die Bernhard-Nocht-Straße wo im Seemannshaus hoch über dem Hafen die Heuerstelle untergebracht war (heute das feudale Hotel “Hafen Hamburg”).

Im Erdgeschoss gab es einen großen Saal, an dessen Kopfende sich vier, mit hölzernen Luken verschlossene Schalter befanden. Der Saal war meistens gut gefüllt mit Seeleuten aller Mannschaftsdienstgrade, die ein Schiff suchten. Hinter den geschlossenen Schaltern residierte der Heuerbaas Max mit seinem Gefolge. Max, der Herr über Reisen in alle Gegenden dieser Welt, der Herr auch über Arbeit und Wohlergehen für die Seeleute. Mit Max durfte man es sich nicht verderben.
Das System war einfach, schnell und sehr unbürokratisch. Hatte Max etwas anzubieten, riss er einen Schalter auf und rief den Bedarf in den Saal, ohne Lautsprecher oder Megaphon. “Ich brauche 2 Matrosen und 1 Moses nach Fernost, unbestimmte Zeit, Motorschiff “Heidelberg”, 1 Heizer Levantefahrt, unbestimmte Zeit, SS “Potsdam”, 2 Kochsmaate (1 Bäcker, 1 Schlachter) Karibik, 1 Reise, ca. 2 Monate, Bananendampfer mit Passagieren” und so weiter.
Die interessierten Seeleute warfen dann ihre Seefahrtbücher in den Schalter. Die Klappe ging zu, Max traf, nach welchen Kriterien auch immer, seine Auswahl, die Klappe ging wieder auf und Max rief die Glücklichen auf und gab den anderen ihre Bücher wieder. Die Erfolgreichen wurden an einen anderen Schalter verwiesen, wo sogleich die Heuerscheine ausgestellt wurden und letzte Einzelheiten über Anreise und wann und wo angemustert werden sollte besprochen wurden. So ging's. Ich hatte wohl eine für Leichtmatrosen sehr schlechte Jahreszeit erwischt oder Max unbewusst auf irgendeine Weise verärgert Es wollte einfach nicht klappen für 3 lange Monate, bis, ja bis “Olga” ein Erbarmen hatte.
Die Klappe ging auf: “1 Zimmermann mit eigenem Geschirr, 1 Donkeymann, 1 Salonsteward, 2 Matrosen, 2 Leichtmatrosen und 1 Heizermoses, weltweiter Tramp, unbestimmte Zeit, Dampfer Olga, Reederei Schlieker”. Hinein mit dem Buch. Klappe zu.
Klappe auf! Schwarz, Erwin! Das war ja ich! Komm doch mal her! Das allerdings hörte sich nicht so gut an. Max hielt mir drohend mein Seefahrtbuch unter die Nase. “Was ist dieses??, Du hast ja deine Fahrtzeit als Jungmann noch gar nicht voll, 3 Monate fehlen noch, welcher Trottel hat dich da zu früh umgemustert?” Ja, wie sollte ich Max dieses Miraculum nun erklären? Dass ich mich auf meinem letzten Schiff über die Maßen verdient gemacht hatte, in-dem ich mich unter erheblicher Gefahr für Leib und Leben von achtern über das permanent überflutete Deck nach mittschiffs gewagt hatte und Nachricht gegeben hatte, dass die Unterkünfte der Crew und auch der Rudermaschinenraum unter Wasser gesetzt waren weil die Schwanenhälse, die zur Be- und Entlüftung dienten, von den überkommenden Seen weggerissen worden waren. Telefon- und Wechselsprechverbindung waren durch den Wassereinbruch unterbrochen. Als Lohn für diese allseits als mutig anerkannte Tat wurde ich dann frühzeitig zum Leichtmatrosen umgemustert. Nun, erkläre das mal Max. Tatsache war, ich brauchte ein Schiff, sofort, egal ob als Leichtmatrose, Jungmann oder sonst was; Koch oder Bootsmann oder Steuermann; ich brauchte ein Schiff; jetzt!
Nach einem neuerlichen Blick in mein Buch sagte Max dann:”Du hängst ja schon 3 Monate hier rum, wird Zeit, dass du in die Gänge kommst, also was ist, ich schick dich als Jungmann an Bord, bist du einverstanden?” Wer war ich, um mit almighty Max zu rechten ; ich nickte Einverständnis und hatte endlich wieder Aussichten. Juchheissa, wenn auch für halbe Heuer.
Der Heuerschein wurde ausgestellt.”Lass mal deinen Impfpass sehen, Gelbfieber ok, Pocken ok, Cholera abgelaufen, da musst du gleich heute Nachmittag noch hin, ich geb dir einen Zettel für den Arzt, danach kommst du wieder her und holst deinen Heuerschein.” Na gut, immer diese verdammte Choleraimpfung, die war nur für ½ Jahr gut, und weh tat sie auch noch, manchmal hatte man für 3 Tage einen lahmen Arm. “Das Schiff liegt bei Schlieker an der Werft längsseite, du steigst morgen früh ein, hin kommst du mit der Fähre von den Landungsbrücken oder zu Fuß durch den Elbtunnel, Geld für ein Taxi hast du doch sicher nicht, so verhungert wie du aussiehst.” Das Hungerleiderdasein sollte aber nun ein Ende haben, ich hatte ein Schiff und da gab es regelmäßig zu essen (wie gut oder schlecht konnte man allerdings noch nicht wissen) und das elende Herumlungern auf dem Heuerstall hatte ein Ende und die Kirche brauchte ich auch nicht mehr auszufegen; das Leben war schön.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit der Fähre auf die andere Elbseite (die paar Groschen Fährgeld hatte mir der gutherzige Seemannspastor auch noch vorgeschossen). Vom Fähranleger war es nicht mehr weit zum Liegeplatz, viel Gepäck hatte ich ja nicht, mein Seesack war nur halb voll. Ich suchte mir meinen Weg durch das übliche Chaos auf der Werft bis an die Pier und da lag sie nun die “Olga”, eine behäbige Matrone in gesetztem Alter. Außenbords schwarz mit breitem weißen Spiegel vom Vorsteven bis Achterkante Luke 1 und einem schmalen weißen Schnelldampferstreifen (heute würde man sagen Rallystreifen) von Vorkante Luke 1 bis Achterkante Luke 5. 2 gelb gestrichene Lademasten, die etwas abgebrochen aussahen, da sie über der Saling endeten, der Vormast war mit einen Krähennest versehen. Ein langer, dürrer Signalmast stand noch Achterkante Brückenaufbauten. Der Brückenaufbau nur 3 Decks hoch, auf dem Peildeck noch ein hölzerner Judentempel. Zwischen Brückenaufbau und dem langgestreckten Maschinenaufbau mit der mächtigen Schornsteinröhre war noch eine kleine Luke angeordnet, die frühere Bunkerluke für Kohle. Insgesamt 4 große Rettungsboote auf dem Bootsdeck, wohl noch ein Überbleibsel aus Kriegszeiten, als die englischen Schiffe immer auch Soldaten an Bord hatten als Geschütz- und Flakbedienung. Ganz achtern dann das Hotel zur Schraube, wo die Decks- und Maschinencrew hauste und auch ihre Messen hatte. Die Offiziere und Ingenieure wohnten im Brücken- und Maschinenaufbau. 

Anmustern mit Seesack

Na, erst mal an Bord gehen. Die Landverbindung bestand noch aus der breiten und sicheren Gangway von der Werft, oben an Deck empfing mich ein hagerer, ganz knochiger Mensch, der mich fragte “ Na Jung, was willst du hier auf diesem schönen Schiff, willst du vielleicht mitfahren?” “Ja, ich soll hier anmustern” sagte ich ihm. “Dienstgrad?” “Jungmann”.” Denn bring mal deinen Plünnensack erst mal nach achtern in die Messe an Steuerbordseite, an Backbordseite ist die Heizermesse. Dann gehst du mit deinen Papieren zum Funker und wenn das erledigt ist, meldest du dich wieder bei mir, ich werde dir dann deine Koje zuteilen. Ich bin der Bootsmann hier an Bord und du wirst in Zukunft immer genau das tun, was ich sage, wenn du das nie vergisst, werden wir uns gut vertragen. Ok, mit dem Funker war ich schnell fertig, meine Papiere waren in Ordnung. Der Bootsmann wies mir dann meine Koje in einer 4 Mannskammer an, die Mitbewohner waren alle an Deck bei der Arbeit, mit 2 Matrosen und 1 Leichtmatrosen teilte ich mir die Kammer. So, und jetzt rein in die Arbeitsklamotten und an Deck mit dir, es gibt viel zu tun, packen wir's an, der Rest wird sich finden. Und der Rest fand sich auch, aber davon beim nächsten Mal.

 

 

Die Reiserouten mit der "Olga"

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Zurück in die Steinzeit

 

Glücklich war ich also auf meinem neuen Schiff mit dem schönen Namen “Olga” angelangt, nach langer Wartezeit, in der ich einen erklecklichen Schuldenberg (für meine Verhältnisse) beim Seemannsheim für Kost und Logis anhäufte und mir nur ganz selten mal ganz früh morgens in der Fischauktionshalle ein paar Groschen verdienen konnte; die nahmen nicht gern so junge Leute, lieber hatten sie ältere und erfahrene Männer zum Transportieren und Stapeln ihrer Fischkisten. Jetzt also war ich wieder in ordentlichen und festen Verhältnissen. Ich war nun ein Besatzungsmitglied von insgesamt 41. Man stelle sich das vor, heute würde ein modernes Schiff dieser Größe mit 14 Mann auskommen. Wie setzte sich die Besatzung nun zusammen?

Deck: Maschine: Bedienung:
Kapitän Chief Eng. Salonsteward
Erster Offz.(Chief Mate) 2. Eng. Messesteward
Zweiter Offz. 3. Eng. Koch
Dritter Offz 4. Eng. Kochsmaat
Funker 2 Eng. Assistenten
Bootsmann 1 Storekeeper
Zimmermann 3 Heizer
6 Matrosen 3 Oiler
3 Leichtmatrosen 3 Reiniger
3 Jungmänner 1 Heizermoses
1 Moses

Mein letztes Schiff, die “Luise Bornhofen”, war ja nun ein ganz modernes Schiff auf dem neuesten Stand der Technik und mit den modernsten Navigationsgeräten, Maschinenanlagen und Deckseinrichtungen ausgerüstet. Es gab ein Radargerät, einen Kreiselkompass, eine Selbststeueranlage, ein Echolot, einen Funkpeiler, eine interne Telefonanlage und eine Wechselsprechanlage von der Brücke zu den wichtigsten Stationen (Back, Poop, Rudermaschine), Manöverstand an der Hauptmaschine und in die Offiziers- und Crewmesse. Keine Spur von all dem auf der “Olga”. Die Brücke hier sah nicht viel anders aus als bei Columbus: Magnetkompass, großes Steuerrad, das immer besetzt war, Sprachrohre mit Pfeife in den Maschinenraum und zum Kapitän und vom Judentempel auf dem Peildeck zum Steuerstand auf der Brücke, als einzige technische Neuerungen konnte man wohl den Maschinentelegrafen bezeichnen, über den die Kommandos per Seilzug in den Maschinenraum übermittelt wurden. Und den Hebel zur Bedienung der Dampfpfeife, den hatte Columbus auch noch nicht. Kommuniziert mit den Manöverstationen auf Back und Poop wurde mit einem einfachen Megaphon, der Flüstertüte. Das kleine Brückenhaus selbst und der Judentempel waren aus Holz gebaut (feinstes Mahagoni), alle Metallteile waren aus Messing was nicht geringe Putzarbeiten zur Folge hatte. Der Grund? Im Abstand von 3 Metern um den Magnetkompass herum durfte sich kein magnetisches Material (Eisen oder Nickel z.B.) befinden, um die Ablenkung des Kompasses möglichst klein zu halten.

Die Maschinenanlage auf “Luise Bornhofen” ein 6 Zylinder 2-Takt Dieselmotor von 3000 PS als Hauptmaschine, 3 Hilfsdiesel à 300 PS mit Generatoren zur Stromerzeugung, alle Hilfs- und Decksmaschinen wie Rudermaschine, Pumpen, Ladewinschen, Ankerspill, Verholspill und Ventilatoren mit Gleichstromelektromotoren. Allerdings die Hauptmaschine und mehr noch die schnell laufenden Hilfsdiesel, sorgten für erheblichen Lärm im und auch außerhalb des Maschinenraums und die hohe Schraubendrehzahl von 130 Umdrehungen pro Minute sorgte besonders im Mannschaftslogis achtern für unangenehme Vibrationen.

Auf Olga dagegen als Hauptantrieb eine große, behäbige 3-Zylinder Dampfmaschine, eine sogenannte 3-fach Expansionsmaschine mit je 1 Zylinder für Hochdruck-, Mitteldruck- und Niedrigdruckdampf. Während ein Dieselmotor komplett geschlossen ist und keine beweglichen Teile außer Schwungrad und Antriebswelle sichtbar sind, ist die Dampfmaschine vollkommen offen, die Pleuelstangen flitzen durch die Gegend und setzen über die Hubzapfen und Kurbelwangen die Auf- und Abbewegung der Kolben in die Drehbewegung der Propellerwelle um. Alles ist gut sichtbar und gut zu kontrollieren. Die Aufgabe der Schmierer war es, die Lager von Hand abzuschmieren und die Lagertemperaturen abzufühlen, nicht zu messen. Zu diesem Zweck mussten sie sich zwischen den umhersausenden Gestängen bewegen, was bei schlechtem Wetter und rollendem Schiff nicht ganz ungefährlich war. Alles spielte sich fast lautlos ab, im Maschinenraum konnte man sich mit normaler Stimme unterhalten und durch die geringe Drehzahl von unter 90 Umdrehungen pro Minute waren auch die vom Propeller ausgehenden Vibrationen nur gering. Alle Hilfsmaschinen wie Ladewinschen, Ankerspill, Capstan und Rudermaschine wurden mit Dampf betrieben, Strom wurde nur für Beleuchtung, die Funkstation und die Proviantkühlmaschine gebraucht, weshalb auch nur ein kleiner dampfbetriebener Generator vorhanden war. In zwei großen und einem kleineren (Donkeyboiler) Kesseln wurde der notwendige Dampf mit Ölfeuerung erzeugt. Gebaut war das Schiff für Kohlefeuerung, aber gleich nach dem Krieg auf  Ölfeuerung umgestellt worden, bei den Ölpreisen damals sicher eine gute Investition.

 

Das Achterschiff der “Olga”,die Luken 4 und 5 mit den Dampfwischen, gut zu erkennen die Lukenabdeckung aus Holzdeckeln und Persenningen, ganz achtern das Deckshaus beherbergt oben die Matrosenmesse an Steuerbordseite und die Heizermesse an Backbordseite, die Mannschaftskammern sind unter Deck. Der hölzerne Kasten auf Luke 5 ist ein selbstgebautes transportables Schwimmbecken.

 

 

Das achtere Deckshaus auf Backbordseite mit den Pollern und den klar gelegten dicken Festmachetrossen aus Manilahanf, links der Spillkopf der Verholwinde,entlang des Deckshauses die Windhuzen und Lüfterköpfe für die Frischluftzufuhr in die Mannschaftskammern.

 

Dampf war allgegenwärtig auf dem Schiff, z.B. gab es kein Warmwasser, dafür war in jedem Waschraum, in jeder Pantry und an mehreren Stellen an Deck ein Steamrohr (ein dünnes Dampfrohr aus Kupfer mit einem Absperrhahn). Brauchte man heißes Wasser hing man einfach eine Pütz Wasser unter das Rohr, drehte den Dampfhahn auf und im Nu kochte das Wasser . So wurde auch Zeugwäsche gemacht. Nur als der Koch eines Morgens wieder mal nicht rechtzeitig aus der Koje gefunden hatte und ganz schnell die Würstchen unter dem Steamrohr heiß machte, dabei aber zu seinem Unglück von einem Heizer beobachtet wurde, da setzte es einige Püffe, die das sonst so ebenmäßig feiste Gesicht des Kochs für einige Tage etwas unsymmetrisch erscheinen ließ. Der Grund für die Misshandlung: Dem Kesselwasser; das zur Dampferzeugung diente, wurde nämlich regelmäßig einige hochgiftigen Chemikalien zugesetzt um Kalk und andere unerwünschte Bestandteile zu neutralisieren und geringe Mengen dieser Chemikalien wurden immer auch vom Dampf mitgerissen. Jeder wusste das und der Koch hatte die Abreibung hoch verdient; er hat sich auch nicht beklagt.

Das Schiff, die gute Matrone “Olga” war also alt, sie war in Würde alt geworden, aber sie war natürlich auch ein Arbeitsschiff, von arbeitserleichternden Maßnahmen und Hilfsmitteln war weit und breit nichts zu sehen, alles reine Handarbeit; deshalb auch die große Besatzung. Wenn im Hafen an allen Luken gearbeitet worden war, konnte das Seeklarmachen schon mal 5 oder 6 Stunden dauern und das mit “all hands on deck”. Ganz anders als heute, wo die Festmacheleinen schon aufgekürzt werden, der Nachfolger für den Liegeplatzt schon mit den Schleppern im Hafenbecken liegt und der Lotse schon aufgeregt auf der Brücke herumspringt und damit droht, das Schiff wieder zu verlassen wenn es nun nicht sofort losgeht, während die letzten Container noch geladen werden. “ Kein Tied, kein Tied.”

Alles in allem lief auf diesem Schiff das Leben und die Arbeit langsamer ab als anderswo und die Fahrt des Schiffes mit maximal 10 Knoten war auch nicht so, dass es einem die Mütze vom Kopf riss; darüber konnte auch der weiße Rallyestreifen außenbords nicht hinwegtäuschen. Ruhig und gemütlich also; sollte man meinen. Im Prinzip ja, aber..........

 

Dick und behäbig liegt die Olga im kleinen Hafen von Fowey in Cornwall und wird mit China-Clay beladen.

Das Prinzip wird durchbrochen beim nächsten Mal! Tschüss.

 

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Schwerwetter

Wir waren auf der Reise von Danzig nach Havannah/Cuba mit einer vollen Ladung Kohle für das dortige Kraftwerk. Cuba: Karibik, Zucker, Rum, Mädchen schön und feurig mit einer  Hautfarbe wie “Café con Leche”, Rumba, Musik (Havannah Social Club), Hemingway. Das alles gab es auf Cuba und lieferte uns ausreichend Gesprächsstoff für die ganze Reise. Aber erst einmal mussten wir diese wundersame Insel auch erreichen und das gestaltete sich doch ein wenig schwierig. Es war Anfang Dezember 1958 als wir Bishop Rock am Ausgang des englischen Kanals passierten und Kurs auf die Karibik nahmen. Der 3. Offizier hatte uns erzählt, dass der Kurs nördlich der Azoren auf den Providence Kanal zwischen den Inseln Great Abaco und Eleuthera der Bahamas abgesetzt war und dann nördlich von Andros Island durch die Florida Straße direkt nach Havannah. Schon gleich als wir in den offenen Atlantik kamen empfing uns ein starker Südwestwind, etwa Stärke 7 - 8 Beaufort, also direkt von vorne, mit einer mittelhohen See und gleichzeitig lief eine hohe nordwestliche Dünung. Das Schiff rollte und stampfte ziemlich stark und nahm außer viel Spritzwasser ab und zu auch schon mal grünes Wasser über Deck und Luken.Viel Fahrt machte die “Olga” nicht mehr, vielleicht noch 5 oder 6 Knoten. Der 1. Offizier hatte schon auf beiden Seiten an Deck Strecktaue spannen lassen an denen man sich festhalten oder auch mit einem Tampen festbinden konnte wenn man unbedingt an Deck musste und nicht wollte, dass man über Bord gewaschen wurde. In der Nacht wurde die Kaltfront des Sturmtiefs passiert, der Wind sprang auf Nordwest und nahm weiter zu bis gegen Mittag des nächsten Tages Sturmstärke  10 - 11  erreicht wurde. Langsam wurde es unangenehm, das Deck stand fast dauernd unter Wasser, ein Verkehr über Deck war ohne große Gefahr nicht mehr möglich, er wurde dann auch vom Kapitän untersagt. Um von achtern in den Maschinenraum oder auf die Brücke zu gelangen musste der Wellentunnel bis zur Maschine und der alte Seitenbunker für Kohle von der Maschine  bis zum Brückenaufbau benutzt werden. Der Kapitän hatte das Schiff mit dem Kopf auf die See gelegt und die Fahrt so weit reduziert, dass es gerade noch steuerfähig war. Order wurde gegeben, dass alle Bullaugen von innen mit extra Stahlblenden verschlossen wurden und die Vorreiber aller wasserdichten Türen nochmals nachgeschlagen wurden.

 

Hohe See bei Windstärke 10 Beaufort

Der Schwachpunkt auf diesen alten Schiffen war aber die Abdeckung der Ladeluken. Diese doch recht großen Öffnungen im Deck (ca. 9 x 12 m) waren durch stählerne Scheerstöcke in Compartments unterteilt und diese Compartments wurden mit hölzernen Lukendeckeln abgedeckt, die mit den Schmalseiten auf den Scheerstöcken lagen. Über diese Abdeckung wurden dann 3 wasserdichte Segeltuchpersennige gelegt, die rundherum mit stählernen Schalklatten und hölzernen Keilen festgekeilt (verschalkt)wurden. Querschiffs wurden dann über die Persenninge noch Verschlusslatten gelegt und fest mit dem Lukensüll verschraubt. Dies war eine altbewährte und sichere Methode, die Ladeluken seefest und wasserdicht zu verschließen. Auf See wurde die Abdeckung und die Verschalkung täglich vom Zimmermann kontrolliert und eventuelle lose Keile nachgeschlagen. Besonders wichtig war dies natürlich bei Schwerwetter, denn eine Luke, die nicht mehr wasserdicht war, konnte das Schiff und seine Crew schnell in eine gefährliche Situation bringen. Bei überkommendem Wasser war diese Arbeit natürlich äußerst gefährlich und für den Zimmermann allein nicht mehr sicher auszuführen. Der Bootsmann stellte dann vier Teams zu zwei Mann zusammen, wovon zwei Teams (je eines auf Backbord- und Steuerbordseite) die Luken auf dem Vorschiff und die anderen beiden Teams auf dem Achterschiff die Kontrolle durchführen sollten. Dann gingen Bootsmann und Chief Mate auf die Brücke und richteten Kurs und Geschwindigkeit so ein, dass möglichst wenig Wasser an Deck kam. Die Leute wurden instruiert, sich mit Tampen an den Strecktauen fest zu binden, Signale wurden vereinbart, die von der Brücke gegeben werden sollten falls Gefahr durch besonders hohe Brecher drohte. Die Leute wurden losgeschickt, der Chief Mate behielt das Vorschiff im Auge und der Bootsmann das Achterschiff um, wenn nötig, die Leute zu wahrschauen. So wurde es auch am zweiten Sturmtag auf der “Olga” gemacht. Der Trupp auf dem Vorschiff, zu dem auch ich gehörte, stellte fest, dass sich auf Luke 1 eine Verschlusslatte gelöst hatte und in der obersten Persenning einen langen Riss und in der zweiten Persenning einen kleineren Riss verursacht hatte. Das konnte so nicht bleiben, denn über kurz oder lang würden die Persenninge durch das laufend überkommende Wasser ganz zerfetzt werden und der Laderaum 1 voll Wasser laufen; das aber könnte das Ende der Seefahrt für dieses Schiff und diese Besatzung bedeuten.

Was war zu tun? Kapitän, Chief Mate und Bootsmann berieten sich und beschlossen: die alten Persenninge bleiben drauf, oben drüber wird noch eine vierte gelegt, eine ganz neue, dann die Verschlusslatten wieder drüber und über das ganze noch Netzbrooken festzurren. Das war ein großer Job, also “all hands on deck”. Erstmal alles zusammensuchen und klarlegen, das große Persenningpaket ging kaum durch das Kabelgattschott und: eine neue Persenning ist besonders steif und unhandlich. Alle vorhandenen Netzbrooken zusammensuchen und Tauwerk, Drähte und Spannschrauben zur Befestigung klarlegen. Dann Versammlung im Kabelgatt und genaue Orders vom Bootsmann wer was machen sollte und wie alles abzulaufen hatte. Schnell sollte es gehen und jeder Handgriff musste sitzen; und immer “eine Hand fürs Schiff und eine Hand für dich”. Einer wurde abgeteilt, der nur auf den Chief Mate, der von der Brücke aus die See beobachtete, zu achten hatte und dessen Warnungen an die Seeleute weitergeben sollte.

Los ging's, alle dazu eingeteilten Leute an Deck, Persenningpaket auf die Luke und einmal querschiffs aufrollen, Keile und Schalklatten Vorkante losnehmen, das vordere Ende der neuen Persenning einschlagen und sofort wieder verschalken; das war fast geschafft als das erste “Wahrschau” vom Chief Mate kam, alle rannten so schnell wie möglich in das schutzgebende Kabelgatt; Schotten dicht als alle drin waren. Es kam zwar Wasser über aber doch nicht soviel, dass unsere bisherige Arbeit zunichte gemacht wurde. Nachdem die nächsten Brecher vorbeigezogen waren, machten wir vorsichtig das Schott auf und vom Chief Mate kam das Zeichen zum Weitermachen. Ich war bei der Gruppe, die die  Verschlusslatten abnehmen und dann die Persenning ganz über die Luke ziehen sollte und die Latten dann sofort wieder darüberlegen und festmachen sollte, damit Wind und See die neue Persennige nicht erfassen und wegreißen konnten. Meine Position war sehr exponiert mitten auf der Luke. Mit einem mal war es so eigenartig still um mich herum, vom Heulen und Kreischen des Sturms kaum noch etwas zu hören. Ich blickte mich um und sah ........niemand! Ich sah nach vorne und da gestikulierten meine Kameraden wild im Kabelgattschott und einer schrie: “Setz endlich deinen verdammten Arsch in Bewegung und komm hier rein!” Ich veränderte die Blickrichtung etwas nach oben und sah ........ Wasser, grau-grünes Wasser mit viel weißen Streifen darauf! noch etwas höher den Blick und sah.......... weißen Schaum, weiße Gischt, sehr viel Weiß, blendend. Und weiter sah ich wie der Vorsteven die grau-grüne Wasserwand zu erklimmen suchte, wie eine Bergziege, dachte ich noch, fühlte aber sofort dass die arme “Olga” diesen Berg nicht schaffen würde. Und ich stand immer noch mutterseelenallein mitten auf Luke 1 und gleich wäre das viele, viele grau-grüne Wasser mit dem blendend weißen Schaum da. Es war keine Zeit, noch irgendwo Schutz zu suchen, im Kabelgatt bei den anderen oder wenigsten hinter dem Lukensüll achterkante Luke 1 oder hinter dem ersten Deckshaus; alles nicht weiter als 10, 12 Meter weg aber alles zu weit, viel zu weit. Also runter auf den Bauch, Kopf nach vorne gegen die See und festgeklammert an der noch nicht gelösten Verschlusslatte. Es wurde wieder laut, ein gewaltiges Rauschen erhob sich und ein Brüllen, die Ohren schmerzten davon. Die hohe See, ein wahrer Kaventsmann wie mir der Chief Mate später versicherte, brach sich über der Back und rollte über das Vorschiff, überrollte auch mich, der wie eine Flunder mitten auf Luke 1 lag, ich konnte mich nicht an der Verschlusslatte halten, wurde von der Luke gespült genau auf eine der Dampfwischen die achterkante Luke standen, ein heftiger Schmerz in der Brust, aber immer noch bei Bewusstsein, dann holte das Schiff stark über und das dachte ich noch: jetzt ist es vorbei, jetzt gehst du mit dem vielen Wasser über die Kante und hattest nur ein ganz kurzes Leben. Mehr Schmerzen und dann Bewusstlosigkeit. Ich kam wieder zu mir, das Wasser war weg und ich fand mich eingeklemmt zwischen einem Flunken des Reserveankers und dem Backendschott, starke Schmerzen in der Brust und Blut lief mir übers Gesicht und auch sonst gab es wenig schmerzfreie Stellen an meinem Körper, aber da ich diese Schmerzen alle noch spürte und das Blut noch floss, musste ich noch am leben sein. Wie war ich wohl hinter den Reserveanker geraten? Ein Zick-Zack Kurs: 1. Von der Luke nach achtern auf die Winsch, 2. das Schiff holt nach Steuerbord über und das Wasser nimmt mich mit bis an die Verschanzung, 3. das Schiff stampft vorne ein nachdem der Kaventsmann passiert ist und das nach vorne schießende Wasser nimmt mich mit bis zum Backendschott, 4. das Schiff holt nach backbord über und das Wasser nimmt mich mit bis zu meinen endgültigen Ruheplatz am Reserveanker. Schadensbilanz bei mir: etwa 3 geprellte Rippen, 1 Platzwunde am Kopf und viele blaue Flecken und Abschürfungen.

 

 

Ein Kaventsmann beginnt das Schiff zu überrollen. 
Wo wird der Fahrensmann sein, wenn sich das Wasser verlaufen hat?

Ich wurde unter Mühen und Schmerzen nach mittschiffs geschafft und dort im kleinen Hospital, das auch die Bordapotheke enthielt, fast luxuriös im Einbettzimmer (wenn nur nicht die kardanisch aufgehängte Koje so barbarisch gequietscht hätte) einquartiert, bis das Wetter sich besserte und man wieder ungefährdet an Deck nach achtern gehen konnte. Der 2. Offizier, traditionsgemäß zuständig für die Apotheke und die Gesundheit an Bord, wusch und schor mir den Kopf und vernähte die Platzwunde mit 3 Stichen. Es war eine Riesensauerei denn wie alle Platzwunden am Kopf blutete auch diese ganz beträchtlich. Die Besatzung konnte die Reparatur an Luke 1 zu einem guten Ende bringen; nach 3 weitern Sturmtagen war es endlich möglich, das Schiff wieder etwas mehr Fahrt aufnehmen zu lassen; es wurde nun Punta Delgada auf der Azoreninsel  San Miguel als Nothafen angesteuert um endgültige Reparaturen durchzuführen und um Öl und Wasser zu bunkern, sicherheitshalber ließ der Kapitän einen Arzt an Bord kommen um mich zu untersuchen. Der fand nichts weiter als die geprellten oder auch gebrochenen Rippen, besah sich die Nähkünste unseres 2. Steuermanns, lobte die Arbeit und verordnete noch ein paar Tage Ruhe. Er versicherte mir, in Cuba wäre ich, wenn schon nicht ganz schmerzfrei, doch so weit wieder fit, dass ich mich auch ein wenig vergnügen könnte um nicht ganz hintanzustehen bei meinen Kameraden. Bis dahin waren es noch etwa 2 Wochen und es war nur noch gutes Wetter zu erwarten. Sollte man meinen!!

 

Ein anderes Bild um die Position der Reserveankers, an dem ich fast meine letzte Ruhe gefunden hätte, konnte ich nicht auftreiben, also ganz links da ist er am Backendschott gelascht, Schaft und Flunken sind gut zu erkennen, dahinter war ich eingeklemmt. Die abgebildete (Karnevals-) Gesellschaft besteht aus den Akteuren einer Äquatortaufe. Vorne von links Astronom, Thetis, Neptun und Pastor; dahinter der Chirurgus und 2 Polizisten. Sie machen sich von dort aus auf den Weg, um dem Kapitän ihre Aufwartung zu machen. Hierüber gibt es aber Bericht  bei einer anderen Gelegenheit.

Wollen mal sehen wie es weitergeht, tschüss dann bis zum nächsten Mal

 

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Fidel Castro verdirbt mir den Landgang

Ja, wie sollte es wohl angehen können, dass ein so großmächtiger Revolutionsführer einem kleinen Leichtmatrosen seinen Landgang nach langer Seereise vermieste? Also, wollen doch mal sehen, wie das war damals zur Jahreswende 1958/59.

Nach Auslaufen Punta Delgada auf der Azoreninsel Sao Miguel welches, wie erinnerlich, als Nothafen nach einem Schwerwetterschaden angelaufen worden war, versegelten wir also mit der guten alten “Olga” nach Havanna auf der Zuckerinsel Cuba. Das Wetter besserte sich erheblich je weiter wir nach Süden vorankamen. Der Wind wurde schwach und drehte dann auf Nordost als wir die Region des stetigen Passats erreichten, es gab viel Sonne und die Temperaturen von Luft und Wasser stiegen allmählich von 18 Grad bis auf angenehme 25 Grad und Regen war selten; nur eine hohe nordwestliche Dünung lief noch lange und ließ das Schiff die ersten Tage stark rollen. Es war ja Winter und im Nordatlantik jagte, wie zu dieser Jahreszeit üblich, ein Sturmtief das andere und schickte die hohen Dünungswellen auf ihre lange Reise in den Süden. Mit der vollen Kohleladung war das Schiff aber recht weich und damit die Rollbewegungen langsam und gut erträglich.

In Punta Delgada hatte der Reedereiagent ein paar portugiesische Zeitungen für den Kapitän an Bord gebracht; der 3. Steuermann, ein Pole von Nation, behauptete, die portugiesische Sprache zu beherrschen und übersetzte die wichtigsten Schlagzeilen daraus. Eine davon besagte, dass es dem regierenden kubanischen Diktator Batista mit seiner Armee immer noch nicht gelungen war, die Banditen (Rebellen) unter Fidel Castro und Che Guevara in der Sierra Maestre dingfest zu machen und zu vernichten, aber dass er guter Hoffnung sei, diese leidige Angelegenheit binnen kurzem zu erledigen. Das allerdings musste man nicht glauben, denn auch Portugal wurde von einem Diktator regiert: Herr Salazar war dort am Ruder. Der Funker aber hatte von Kollegen auf anderen Schiffen erfahren, dass die Rebellen sich jetzt daran machten, die Berge zu verlassen und auf die Stadt Santa Clara zu marschierten, und weiter erzählte er uns, dass, wenn Santa Clara fiele, der Weg nach Havanna frei wäre. Das konnte ja heiter werden. Wir hatten schon vor der Ausreise von Europa gehört, dass auf Cuba so eine Art Bürgerkrieg oder Revolution herrschte, aber das war ja nichts ungewöhnliches für Lateinamerika, irgendwo war immer Revolution. Hatte sich einer der vielen Diktatoren (meistens Generäle oder Obristen oder auch nur ein Feldwebel wie Batista auf Cuba oder auch ein Landarzt wie Papa Doc in Haiti) die Taschen nach Meinung seiner Standesgenossen voll genug gestopft, wurde eine Revolution angezettelt und ein anderer setzte sich an die Spitze und füllte sich die Taschen. So erforderte es die Tradition und ab und an musste auch Blut vergossen werden, besonders das der armen Peones und Trabajadores die sich hatten verblenden lassen von den Verheißungen der Leute in den bunten Röcken. Fidel allerdings gehörte dem Vernehmen nach nicht zu diesen “Kleptokraten” in Uniform; er war Doktor der Rechte.

Wir an Bord machten uns unsere eigenen Gedanken; Revolution hin oder her, wir freuten uns sehr auf Havanna aus ganz anderen Gründen als Fidel. Seit wir wussten, dass die Reise nach Cuba ging, stieg die Stimmung unter der Besatzung in immer größere Höhen, daran änderte auch das schlechteste Wetter und die gefährlichste Arbeit nichts. Die erfahrenen Seelords, die schon mal da gewesen waren, priesen Land und Stadt in den höchsten Tönen: Die Frauen schön und entgegenkommend, die Preise niedrig; die Drinks kalt und groß, die Preise billig, die Strände weiß und weit, alles umsonst, die Menschen lustig, temperamentvoll und freundlich, auch umsonst; und erst die Musik, die Musik sollte selbst den größten Tolpatsch singen und tanzen machen, und die Musik koste erst etwas, wenn man sich eine eigen Kapelle chartere, was jederzeit möglich sein sollte. Die Liegezeiten wären üblicherweise lang, da von fortgeschrittener Technik im Lade- und Löschbetrieb nicht viel vorhanden sei, die wenigen Kräne seien meistens kaputt und die Kohle würde wohl mit dem Schiffsgeschirr gelöscht werden müssen. Auch seien die Kubaner keine Freunde von Nacht- und Feiertagsarbeit. Herrliche Zeiten standen uns bevor, denn wir würden über Weihnachten und Neujahr im Hafen liegen. Unsere Sorge war: “Hoffentlich lässt sich der Mantel der Geschichte noch etwas Zeit und streift uns nicht gerade über die Feiertage indem dass Fidel just dann in Havanna einmarschiert.”

Mit meinen beiden besten Freunden an Bord, Peter und Günter, auch Junggrade vom Rang her, saß ich oft zusammen und wir schmiedeten Pläne für unsere Zeit in Havanna. Einmal wollten wir doch ordentlich auf den Putz hauen und das tun, was Seeleute landläufiger Meinung nach immer taten wenn sie Landgang hatten: fressen,saufen und herumhuren. Schließlich mussten wir Jungen doch auch mal bei den alten Haudegen mitreden können, wenn auf Freiwache die tollen Stories erzählt wurden, wenn das Garn gesponnen wurde, auch wohl mal ein wenig aufgeschnitten und sogar gelogen wurde bis die Decksbalken sich bogen und der Baron Münchhausen schamrot das Lokal verlassen hätte.

Es gab Hindernisse: Vorneweg das Geld. Die Leichtmatrosenheuer betrug 128 Mark und ein Jungmann wurde mit 95 Mark im Monat entlohnt. Der Dollar kostete 4,20 Mark das Stück und auf Cuba galt der Peso dem Dollar gleich damals. Trotz größter Spar- und Enthaltsamkeit war es uns nicht gelungen, pro Mann mehr als 40 Dollar zusammenzukratzen, was aber in normalen Zeiten gut für 2 tolle Nächte reichen sollte. Ob das in Revolutionszeiten auch so war, musste die Erfahrung lehren.

Als zweites Hindernis konnten sich noch meine Unfallverletzungen herausstellen. Blutergüsse und Abschürfungen waren gut verheilt, die Haare soweit nachgewachsen dass die Narbe kaum zu sehen war, aber der Brustkorb schmerzte nach wie vor stark. Die verdammten Rippen ließen sich Zeit mit der Heilung und an die Versprechungen des Arztes in Punta Delgada glaubte ich jetzt schon gar nicht mehr. Bestimmte Bewegungen, auch wenn sie dem Vergnügen dienten, würden äußerst schmerzhaft sein. Vielleicht aber konnte der 2. Offizier, mit dem ich gut zurecht kam, mit einem wirksamerem Schmerzmittel als Aspirin es war, aushelfen. Er konnte!

Am 21. Dezember morgens, 11 Tage nach Punta Delgada, kam wieder Land in Sicht; an steuerbord voraus erschien als Erstes der rot-weiße Leuchtturm Abaco Light an der Südspitze von Abaco Island. Das flache Land erhob sich erst einige Zeit später über die Kimm. Der North East Providence Channel war erreicht, jetzt waren es noch 1 ½  Tage bis Havanna. Einen Tag vor Heiligabend 1958 rauschte der Anker zu Wasser auf Havanna Außenreede. Die “Olga” war nicht das einzige Schiff dort. Kriegsschiffe soweit das Auge reichte. Ein Flugzeugträger mit seinem umfangreichen Begleitgeschwader lag dort schon und noch ein paar Handelsschiffe warteten auf Einlauforders. US-amerikanische Kriegsschiffe, wer sonst, hatten sich hier breit gemacht.

“Oh, oh” sagten die Alten, “wat dit woll ward” und wackelten bedenklich mit den Köpfen. Wir jüngeren hatten so einen Aufmarsch von geballter Militärmacht noch nicht gesehen und rissen uns die Ferngläser auf der Brücke aus der Hand bis uns der Kapitän an Deck scheuchte. Er war kein Freund von Tumult und ungehemmter Neugier.

In der Messe, zum Tea-time um 10 Uhr, kam die Diskussion erst richtig in Gang. Was wollten die Amis hier?? Die wildesten Vermutungen wurden geäußert:” Die wollen Batista unterstützen, damit die Verhältnisse so bleiben wie sie sind: billiger Zucker, niedrige Löhne und Havanna sollte das Vergnügungsviertel der USA bleiben, größte Kneipe, größtes Casino und größter Puff und immer ein sicherer Unterschlupf für die Mafia. Herr Mayer-Lansky war ja schon Berater des Diktators und sollte das auch bleiben.” So die Ami-go-home Fraktion. “Die wollen Fidel Castro unterstützen damit endlich auf Cuba geordnete und demokratische Verhältnisse wie in den USA geschaffen werden und die Mafia und die Laster eingedämmt werden.” So die Freunde Amerikas. “Die wollen nur beobachten und aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft und die Revolution ihren geordneten lateinamerikanischen Gang geht und sich langfristig nichts ändert.” So die Pazifisten und Appeasementleute. Jede dieser 3 Möglichkeiten würde unsere Pläne für einen ausschweifenden Landgang entweder ganz zunichte machen (bei Einmischung müssten wir wahrscheinlich ganz schnell mit der “Olga” verschwinden), oder so verteuern (wenn tausende von Soldaten Landgang bekämen, würde die Nachfrage nach allen nur vorstellbaren Vergnügungen das Angebot so weit übersteigen, dass eine inflationäre Preisentwicklung auf diesem Sektor unvermeidlich war) dass wir mit unseren paar Kröten gar nicht erst losmarschieren brauchten. Die Damen würden uns auslachen und nicht einmal einen Drink von uns armen Schluckern annehmen.

Es kam ein Telegramm vom Agenten. Der Steward hatte es natürlich wie immer noch vor dem Kapitän gelesen und Nachricht sickerte durch, dass am nächsten Morgen eingelaufen werden sollte. Liegeplatz Casablanca, Backbordseite längsseite. Nun würden wir es ja bald genauer wissen.

 

 

Castillo del Morro

 

Altstadt vom Liegeplatz aus gesehen

Bei Sonnenaufgang “Anker auf”, und “Lotse an Bord”. Einlaufen durch eine enge Hafeneinfahrt, an Backbord das Castillo del Morro, an Steuerbord Castillo de la Punta; beides starke Befestigungen aus der spanischen Kolonialzeit (Castillo del Morro jetzt Foltergefängnis für Gegner Batistas den Gerüchten nach). Dann noch eine riesige Festungsanlage an Backbord, La Cabana, der spätere Sitz von Che Guevara als “Oberster Ermittler” für die Verbrechen des Batista Regimes. Unser Liegeplatz war nur ein paar Kabellängen von dieser Festung entfernt. Auf der anderen Seite der Hafenbucht lag die große und prächtige Stadt Havanna. Wir hatten alles gut im Blick.

Nachdem die obligatorische Boardingparty (Zoll, Polizei, Hafenarzt, Immigration und Agent) das Schiff einklariert hatte und mit den üblichen Geschenken wohl versehen wieder an Land gegangen war, kam der Funker nach achtern, brachte die Post und die Landgangsausweise für die Crew mit und zahlte den Vorschuss aus, Dollars in kleinen Scheinen wie verlangt. Auch informierte er uns darüber, dass am Abend eine Weihnachtsfeier für alle auf dem Bootsdeck stattfinden sollte. Er sagte auch noch, dass  Gerüchten nach ein Teil der amerikanischen Soldaten Landgang bekommen sollte, etwa 800 Mann. Irgendjemand war uns armen Leichtmatrosen gar nicht wohl gesonnen. Trotz dieser Hiobsbotschaft wollten wir es dennoch wissen. Meine Freunde und ich beschlossen, nach der Weihnachtsfeier mit der kleinen Fähre nach Havanna überzusetzen und unser Vergnügen zu suchen.

Der Hafen von Havanna, es hat sich seit damals kaum etwas geändert.

Die Feier wollte nicht so richtig in Gange kommen. Wir waren alle unruhig und wollten endlich an Land, aber sogar die ruppigsten alten Heizer und Matrosen hatten doch so viel Anstand, den Alten mit den übrigen Befehlshabern nicht allein zu Tisch sitzen zu lassen; 2 Stunden blieben alle da, “Oh du fröhliche” wurde mit Mundharmonikabegleitung gesungen und dann wurde von den allermeisten das Fest verlassen und ab ging es zum Fähranleger, es war nicht weit und ½ Stunde später waren wir mitten im Getümmel in der Altstadt von Havanna. Schon als wir die Fähre verließen sahen wir unsere amerikanischen Navyfreunde (und Konkurrenten was die Plätze in der ersten Reihe bei den Schönen der Nacht anbetraf) großspurig und überaus vergnügt und lustig in ihren (noch) blütenweißen Uniformen und der ebenso weißen typischen Navymütze, die aussah wie eine kleine Suppenschüssel. Die Straßen und Gassen waren voll von ihnen, jede Kneipe, Bar, Spelunke, Cantina, jeder offene Bartresen in Parks und am Strand Malencon, jedes Restaurant, jedes Café im heller erleuchteten Teil der Stadt war fest in Navyhand. Keine Chance für uns, auch nur in die Nähe eines Tresens zu kommen und die nagelneuen Preisschilder gaben uns den Rest: Cerveca 1,50 Dollar, Cuba Libre 2 Dollar, das sah schlecht aus für unsere sauer zusammengesparten Dollares. Die Mädchen hängten sich natürlich an die Amis, denen fielen die grünen Scheine ja fast von selbst aus den Taschen. Auf unserer Suche nach einem Anteil am allgegenwärtigen Vergnügen gerieten wir ganz von selbst in den weniger hell erleuchteten Teil der karibischen Metropole; in die Armeleuteviertel und fast schon Slums nämlich. Hier änderte sich das Bild, die weißen Matrosenanzüge wurden weniger, dafür nahmen olivgrüne Uniformen und Mützen von ebensolcher Farbe zu. Darin steckten Soldaten der kubanischen Armee, die sich genau so benahmen als wenn sie wüssten, dass über kurz oder lang ihr Noch-Befehlshaber, der Diktator Batista, verjagt werden würde und es sich deshalb nicht mehr lohnte sich diszipliniert zu betragen. In diesem Stadtviertel schien sich in jedem zweiten Haus ein Bordell etabliert zu haben, die Soldaten standen Schlange bis auf die Straße, tranken, schrien herum und prügelten sich; aus den offenen Fenstern drangen eindeutige Geräusche, hinzu kam Dudelmusik aus Musicboxen, Weibergeschrei und Männergebrüll. Das wollten wir uns näher besehen. Mutig wie wir drei waren, gingen wir einfach in ein Haus, wo nicht gar so viele Leute vor der Tür standen, drängten uns eine Treppe hoch an biertrinkenden Soldaten vorbei und gelangten in eine Art Vestibül, das mit alten und recht schäbigen Sesseln und Sofas ausgestattet war. Die waren alle besetzt, ebenfalls mit biertrinkenden Soldaten. Mama-San erschien und kam schnurstracks auf uns zu. Mama-San sah genau so aus wie Madams gutgehender Etablissements auszusehen hatten: etwas dicklich, aufgetakelt wie eine Fregatte unter Vollzeugs, bunt angemalt wie ein Papagei und wohlriechend wie eine Pariser Gasse im Mittelalter. Mama-San hob den Zeigefinger und sprach in gepflegten spanisch-englisch- kreolischen Mischmasch:”Vordrängeln gilt eigentlich nicht, aber gegen einen geringen Aufschlag und weil ihr geehrte ausländische Gäste seid und auch weil Weihnachten ist und uns ein kleines Geschenk an unsere Gäste wohl ansteht mache ich hier speziell für euch dieses Angebot: 15 Dollar pro Mann statt wie sonst 5, ohne Extras versteht sich, zahlbar sofort im Voraus, aber nicht länger als 20 Minuten. Dafür kurze Wartezeit und für jeden ein Bier auf Kosten des Hauses. Ihr braucht gar nicht so zu glotzen, handeln ist nicht.” Wir sahen wohl auch echt verdattert drein nach dieser Begrüßungsrede. Währenddessen ging das normale  Geschäft weiter, ab und zu  öffnete sich eine der vielen Türen die vom Vestibül wohl ihn die Luxuskabinen der Lust führten, ein Soldat kam heraus, zumeist fummelte er noch an seinem Anzug rum, stopfte das Hemd in die Hosen oder schloss noch den Gürtel oder richtete sonst noch was an seiner Kleidung. Durch die offene Tür sah man manchmal ein Mädchen, das an einer Waschschüssel beschäftigt war und sich wohl auf den nächsten Gang vorbereitete; “Der Nächste bitte!” Der Gestank in dem Raum war unerträglich, dazu das Gegröhle und Palaver der Soldaten und die Geräusche aus den Kabinen und das Gedudel der Musicbox, die ausdauernd irgendeine sehr melancholische Schmonzette absonderte. Scheußlich. Sollten hier unsere Träume von einem ausschweifendem kubanischem Landgang ihre Erfüllung finden? An diesem Ort, angefüllt mit Abschaum, Dreck, schlechten Gerüchen und wahrscheinlich auch Krankheiten? “Matrosen am Mast” waren wohl das wenigste, was man sich hier wegholen konnte. “Nichts wie weg hier” und unter dem Gelächter der Soldateska verließen wir fluchtartig das Lokal. Wir steuerten wieder den heller erleuchteten Teil der Stadt an, fanden in der Nähe des Fähranlegers noch Platz in einer Freiluftbar, tranken 2 oder 3 von den sündhaft teuren Cuba Libres, verfluchten ausgiebig Fidel Castro, der seine Revolution zur unrechten Zeit in Szene setzte und damit unschuldigen Leichtmatrosen den Landgang verdarb.

Es sollte aber alles noch ein versöhnliches Ende für uns nehmen. Am 29. Dezember 1958 siegte die Rebellenarmee bei Santa Clara, am 1. Januar 1959 flüchtete der Diktator Batista mitsamt der Staatskasse in die Dominikanische Republik zu seinem Diktatorenfreund Trujillo, am 3. Januar zog Che Guevara triumphal in Havanna ein und es fielen tatsächlich nur Freudenschüsse und endlich am 8. Januar folgte Fidel. Wir bekamen alles mit, denn in diesen aufregenden Tagen wurde im Hafen nicht viel gearbeitet aber dafür um so mehr gefeiert. Die Amis bekamen keinen Landgang mehr und mischten sich Gott sei Dank auch nicht ein; die Preise sanken wieder auf vorrevolutionäres Niveau und wir armen Leichtmatrosen kamen so doch noch zu dem erhofften Großvergnügen, auch wenn die Rippen noch weh taten.

Bis zum nächsten Mal dann, “Fröhliche Weihnachten” und “Happy new Year, Miss Sophie” wie Butler James sagen würde.

 

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Heizer

Fort Lauderdale, Florida, Ende Januar 1959

Bei Tagesanbruch kam der Lotse an Bord. Die beiden Coastguard Kutter, die uns seit unserer Ankunft in der Nacht umkreisten wie scharfe Wachhunde und uns permanent mit starken Scheinwerfern angestrahlt hatten, nahmen ihre Positionen ein, je einer an Backbord- und Steuerbordseite. Der Anker wurde gehievt und die “Olga” lief langsam an der Ansteuerungstonne vorbei in das Fahrwasser ein. Das Revier war nur kurz, deshalb stand die Decksbesatzung schon klar auf Manöverstation. Im Augenblick war nichts zu tun, die Festmacheleinen waren alle klargelegt, die Schmeißleinen aufgeschossen, das Verholspill stand unter Dampf, Fender und Rattenbleche waren zur Hand.

 

Fort Lauderdale aus dem Weltraum heute

 

Hafeneinfahrt von Fort Lauderdale von See aus

Ich saß auf dem Poller und neben mir stand Oskar, der Donkeymann; er hatte Freiwache und besah sich den amerikanischen Einlaufzirkus. “Sag mal, weißt Du warum uns die Coastguard so auf dem Kieker hat, Oskar?” fragte ich ihn. “Ich hab gehört, dass die Amis alle Schiffe, die in den letzten 3 Monaten in einem Ostblockland waren, so lange scharf  bewachen und niemand an Land oder an Bord lassen, bis das Schiff gründlich durchsucht worden ist und nichts verdächtiges gefunden wurde.Wir waren im November in Polen!  Warst du schon mal in den Staaten?” Ich schüttelte den Kopf und fragte: “Was suchen die denn eigentlich?” “Vielleicht Atombomben oder Kommunisten oder Agenten, Spione oder was weiß ich, wovor die sonst noch Angst haben. Die McCarthy Ära ist ja schon 2 Jahre vorbei, aber Reste der damaligen Hysterie finden sich immer noch, besonders alles was aus dem Ausland kommt wird mit äußerstem Misstrauen betrachtet. Na, dann wart mal ab was passiert wenn wir erst festgemacht haben: Gesichtskontrolle, Gesinnungsüberprüfung und nicht zu vergessen die “Schwanzparade”, eine amerikanische Spezialität die es sonst nirgends im bekannten Universum gibt. Halte dich in meiner Nähe auf wenn die Prozedur beginnt, dann kannst du mal sehen und hören wie eigentlich jeder diesen Zumutungen begegnen sollte. Aber unterstehe dich, es mir nachmachen zu wollen; ich bin alt und habe überhaupt kein Interesse daran  Gottes eigenes Land noch mal zu betreten, (denn Landgangsverbot wird das mindeste sein, das man mir aufbrummt) du aber bist jung und solltest es dir nicht durch Renitenz schon so früh mit einer Großmacht verderben. Denk dran, das sind alles nur Bürokraten die dich von Gesetz wegen drangsalieren und beleidigen und Bürokraten führen Buch und Listen und stehst du erst einmal drin in ihren Büchern und Listen führt nur selten ein Weg wieder hinaus.” So weit Heizer Oskar mit seinen Erfahrungen und Erkenntnissen.

Die “Olga” wurde vom Lotsen auf ganz sanfte Weise längsseit gebracht, wir machten das Schiff mit 3 + 1 vorn und achtern fest und brachten die Gangway aus. Als der Dritte Steuermann wie üblich sofort an Land ging um den Ankunftstiefgang abzulesen wurde er von den dort angetretenen Coastguardleuten zurück an Bord gescheucht; kein Landgang bevor nicht das Schiff durchsucht war! Die Crew wurde angewiesen sich in ihren jeweiligen Messen aufzuhalten, bis die Durchsuchung abgeschlossen war. Die Coastguardleute schwärmten aus, als Hilfsmittel führten sie unter anderem auch Geigerzähler mit sich, die sogar an einigen Stellen anfingen zu ticken zur Verwunderung aller. Aber da war nichts, es sei denn, die Bauwerft hatte Uran in den Stahl gemischt, es gab Gelächter und Spott von unserer Seite. Gelächter und Spott, das können aber Beamte und Soldaten nicht vertragen und fortan hatten wir keine guten Karten mehr. Nach der Durchsuchung, die absolut nichts Verdächtiges zu Tage gefördert hatte, wurden alle Mann nach mittschiffs zur Offiziersmesse beordert wo die Immigration (Einwanderungsbehörde) und der Health Officer (Gesundheitsbehörde) jeden einzelnen der Besatzung genauestens unter die Lupe nehmen wollte. Oskar der Donkeyman sagte zu mir: “Nu halt dich man direkt hinter mir, dann kannst du gleich sehen, wie du das auf keinen Fall machen darfst!”

Gesichts- und Pass (Seefahrtbuch)kontrolle: Zuerst der, vielen von uns noch aus Besuchsreisen in die DDR oder als Transitreisender nach Berlin, wohlbekannte Hin- und Herblick des Beamten zwischen Passbild und wirklicher Person (2 bis 3 mal hin und her) wobei automatisch ein schlechtes Gewissen erzeugt wird. Oskar musste seine Brille auf und ab setzen und wurde dann doch als die Person akzeptiert, die das Passbild darstellte. Dann: Name? “Oskar Telcuk” Alter? “54” Geburtsort? “Dorpat” Land? “Estland”  Der Beamte stutzt: “Estland, wo ist Estland, nie gehört von einem Land mit Namen Estland;” der Beamte beratschlagte sich mit seinen Kollegen, keiner hatte jemals von Estland gehört. Der Funker mischte sich ein und erklärte: “Estland ist einer von den 3 baltischen Staaten, die von der Sowjetunion während des 2. Weltkrieges ,1940, annektiert wurden, dann von den Deutschen besetzt und dann von den Russen zurück erobert wurde und seit 1944 wieder eine Sowjetrepublik ist.” “Nie davon gehört, diese verdammte europäische Geschichte ist so kompliziert, das kann sich doch kein Mensch merken!” Weiter: “Nationalität?” “Este.” “Wie kann das sein, wenn Estland eine russische Republik ist sind Sie doch Russe, was steht denn im Seefahrtbuch, wollen doch mal sehen, aha Nationalität: keine; das gibt es nicht, sie kommen aus Russland und sind in Russland geboren also sind Sie Russe und damit fertig. Weiter : “Sind Sie Kommunist?” “Nein!” Auch das gibt es nicht, wenn Sie Russe sind, sind Sie auch Kommunist, alle Russen sind Kommunisten . Sind oder waren Sie Mitglied der Kommunistischen Partei?” Oskar : In meiner Jugend war ich Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, habe 1932 den Altonaer Blutsonntag aktiv miterlebt und dafür auch im Gefängnis gesessen. Jetzt bin ich nicht Parteimitglied. “Also ich notiere: war Kommunist und als solcher an einem Umsturzversuch in Deutschland beteiligt; Altona ist doch in Deutschland?” “Ja, Altona ist in Deutschland, hat aber auch schon mal zu Dänemark gehört wenn Sie es genau wissen wollen, wieder ein bischen europäische Geschichte für Sie. Und der Altonaer Blutsonntag war kein Umsturzversuch sondern eine Riesenprovokation der Nazis; die sind nämlich mit einigen tausend SA-Männern durch die fast nur von Kommunisten und Sozialdemokraten bewohnten Arbeiterviertel von Altona marschiert und dabei kam es zu Schießereien.”  Der Beamte: “Und daran waren Sie beteiligt auf Seiten der Kommunisten, haben Sie auch geschossen?” “Nein, leider nicht, ich hatte keine Waffe.” “ Aber eingesperrt hat man Sie?” “Ja.” “Woher sprechen Sie so gut englisch?” “Während des Krieges war ich in Kanada interniert.” “ Aha, jetzt brauche ich noch ihre Fingerabdrücke, hier auf dieses Formular, alle 10 Finger bitte!”“Kommt gar nicht in Frage, was wollen Sie mit meinen Fingerabdrücken, was habe ich ausgefressen?” “Das ist Vorschrift hier, wenn Sie die Abdrücke nicht freiwillig abgeben werden wir Sie zwingen!” “ Dann man zu, bin gespannt wie Sie das anstellen wollen.” “Officer, helfen Sie doch diesem Gentleman hier, seine Fingerabdrücke auf das Formular zu machen” wies der Beamte einen herumstehenden vierschrötigen Coastguardmann an, der wohl extra für die Regulierung derartiger Unbotmäßigkeiten in Bereitschaft gehalten wurde. Der trat von hinten an Oskar heran, legte beide Arme um dessen Oberkörper, presste ein wenig und sagte ganz leise: “ You want it the easy way or the rough way? just let me know.( Möchtest Du es auf die sanfte Weise oder ziehst du ein härteres Vorgehen unsererseits vor? Sag's mir einfach). Oskar sagte: “Ich beuge mich der Gewalt” und lieferte seine Fingerabdrücke. Damit war das Verhör durch die Immigration erst einmal abgeschlossen.

Jetzt die Gesundheitsbehörde.
“Name?” “Oskar Telcuk.” “Impfpass : Pocken ok, Cholera ok, Gelbfieber auch ok. In letzter Zeit krank gewesen? Fieber gehabt?” “Nein.” “Mund auf und Aaah sagen. Ok” “Hose runter.” “Nein!!” “Was heißt nein?” “Warum sollte ich vor Ihnen meine Hose runterlassen, wollen Sie überprüfen ob ich Mann oder Weib bin oder ist es für Amerikas Sicherheit von Belang ob ich Hämorrhoiden habe oder soll dies hier gar eine Musterung für die glorreiche US-Army sein?” “Nun werden Sie mal nicht frech, ich muss mir ihren Schwanz ansehen wegen einer eventuellen Geschlechtskrankheit und das wissen Sie auch ganz genau, Sie sind doch nicht das erste mal in den Staaten. Also Hose runter , Vorhaut einmal zurück und fertig.” “Kommt gar nicht in die Tüte” sagte Oskar. “Dann gibt es für Sie keinen Shore Pass!” “Den bekomme ich doch von ihrem Freund dem Kommunistenjäger da drüben so wie so nicht “ und wies auf den Einwanderungsbeamten. Jetzt wurde aber der “Alte” grantig: “Treiben Sie es nicht zu weit, Oskar, die kriegen es fertig und stellen uns eine Dauerwache an die Gangway, nur um zu verhindern, dass sie an Land gehen. Die Kosten gehen zu Lasten des Schiffes.” “Das ist mir egal. Ich scheiß auf den Landgangsausweis, dafür lass ich meine Hose nicht runter!” und ab ging Oscar. Auf diese Weise wurde nun jedes Besatzungsmitglied überprüft, ich konnte wahrheitsgemäß behaupten, dass ich mit Kommunisten nichts am Hut hatte und Gonokokken oder Spirochäten meine edelsten Teile nicht besiedelt hatten, nicht einmal Matrosen am Mast gab es zu entdecken und so bekam ich meinen Shore Pass und konnte am nächsten Tag unbehelligt an Land gehen. Übrigens hatten alle 3 Heizer sich geweigert die Hosen runterzulassen und durften nicht an Land. Ein Wachposten wurde dann doch nicht an die Gangway gestellt, das wäre auch sehr teuer für die Verweigerer geworden.

 Übrigens, mein Landgang in Florida im Jahre 1959 verursachte die ersten unschönen Risse in meinem bis dahin glänzendem Amerikabild, das gespeist war von der historisch einmaligen Tat der Befreiung Europas; ich fand in den gepflegten Anlagen der Stadt Parkbänke mit der Aufschrift “Whites only” (nur für Weiße), ich sah Busse in denen die Plätze für Weiße und Schwarze markiert waren und Restaurants “For Whites only” all dies erinnerte doch sehr an “Juden unerwünscht.” Vor nicht allzu langer Zeit in meinem Heimatland.

Die Heizer habe ich für ihre Standhaftigkeit bewundert, sie waren eben doch die Aristokraten unter den Proletariern der Seefahrt; alle schon etwas älter damals, denn es gab ja kaum noch Dampfschiffe, Heizer war ein aussterbender Beruf. Alle hatten sie angefangen auf kohlegefeuerten Schiffen, hatten sich krumm und schief gearbeitet beim Beschicken der Feuer, beim Schlackestoßen und beim Aschehieven; bei Schlechtwetter ebenso wie bei spiegelglatter See und Alsterwetter. Sie waren berühmt und berüchtigt für ihre Wehrhaftigkeit, so mancher 2. Ingenieur musste die Flucht ergreifen vor ihren Flüchen und den Püffen mit der Kohlenschaufel wenn er ihnen lästig wurde mit seinem Gebrüll nach mehr Dampf oder wenn sein Gemecker über den qualmenden Schornstein ihnen auf die Nerven ging. Zimperlich waren Heizer nicht und sie waren wirklich fast alle in der Wolle gefärbte Kommunisten und machten daraus auch keinen Hehl. Seit es nun fast nur noch ölgefeuerte Schiffe gab schoben sie aber eine ruhige Kugel, Manometer beobachten, Düsen reinigen und einstellen, Kesselwasserpflege, sie hatten viel Zeit zum lesen auf Wache. Keine Kohle mehr, kein Staub, keine Schlacke und keine Asche, der 2. Ing. war im Kesselraum aber immer noch nicht gern gesehen, war er doch der Erbfeind aus alten Zeiten.

 

Buenos Aires, Dock Sud, Frühjahr (Herbst)1959
Dock Sud war die finsterste Ecke von Buenos Aires, die alten Docks im Süden der Stadt, enges Fahrwasser, vor allen Dingen wenig Wasser; durch den zigtausendmal aufgewühlten Schlamm wurde das Schiff von 2 alten Schleppern an die Pier beim E-Werk gedrängt. Wir machten so gut fest wie möglich am verrotteten Quai und harrten der Dinge die da kommen sollten. Kohle löschen, 3 Wochen waren veranschlagt, aber man streikte gern damals in B.A. und es konnten ebenso gut 6 Wochen werden oder wer weiß wie viel. Ich hatte Nachtwache und saß auf dem Lukensüll von Luke 5 und träumte vor mich hin; was man halt so träumt als junger Mann von 20, meistens ja doch Thema 1. Fiete, einer von den Heizern, klein, verhutzelt und älter aussehend als er eigentlich war, kam schlurfend daher. Fiete hatte ein wohl verschnürtes Bündel auf dem Rücken (einen Mantel? Eine Decke? Oder was?) Eine Flasche Cash Cash (unser Ausdruck) also Zuckerrohrschnaps aus Brasilien (billig,billig) sah aus seiner Rocktasche und er stellte sich vor mir auf “So, ich geh jetzt an Land.” Fiete, was schleppst Du denn da alles mit?” “Ja, weißt Du, die Decke is für außen un der cashcash is für innen.” “Fiete, das is mir schon klar, aber so ganz begreif ich die Zusammenhänge noch nich.” “ Is doch ganz einfach, weißt Du, Dock Sud is eine  ganz elendige und arme Gegend, hier kannst Du ein Mädchen für 75 Cent haben auf'm Kirchhof.” “Ja, auf'm Kirchhof und da auf'm Kirchhof nur Steinbänke stehen und es um diese Jahreszeit schon ziemlich frisch ist, bringst Du am Besten eine Wolldecke mit, damit die Schöne am Arsch nicht so friert und bevor es zur Sache geht ein paar Schlucke cashcash und Du hast eine schöne Nacht wie Du sie zu Hause selten kriegst. Und denn, nicht zu unterschätzen, auf'm Kirchhof ist es ruhig, keine Musicbox, keine schmalzigen Tangoakkordeons nur ein paar Eulen vielleicht.” So sprach Fiete und zog davon um die schönste und vor allen Dingen billigste Hure von Dock Sud, Buenos Aires, zu gewinnen. So waren die Heizer also auch , genügsam und man muss es schon so sagen : geizig.

“Olga” längsseite in B.A. Dock Sud, Heizer Fiete sitzt auf Luke 5, genau dort wo ich während meiner Nachtwache saß und das bedeutsame Gespräch über einen billigen Landgang mit ihm führte. Hier freut er sich auf frisch gefangenen Catfish zum Abendessen.

Tschüss bis zur nächsten Story. Wollen doch mal sehen, was die Matrosen oder Jan Maaten oder Seelords (oder auch Decksbauern wie sie verächtlich von so geringen Leuten wie Heizern, Schmierern, Reinigern oder anderem Personal aus “Zeche Elend” (Maschinenraum) genannt wurden) an Bord so trieben, was sie für schreckliche Gewohnheiten hatten und wie ihnen die Welt vom Schiff aus vorkam.

 

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Gemeinde Klinkrade

Bürgermeister:
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nach Vereinbarung
Tel.-Nr. 04536/84 13

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